Newsletter des Seminars für Allgemeine Rhetorik - 10.2009
Rhetorik-Newsletter Nr. 2, Oktober 2009
 
 
 
1. Institutsneuigkeiten
 
Seit 1. Oktober hat PD Dr. Temilo van Zantwijk die Vertretung der Professur für Allgemeine Rhetorik (Ueding) übernommen. Der Philosoph kommt von der Jenaer Universität und hat drei Forschungsstandbeine: erstens Logik und Wissenschaftstheorie, zweitens den deutschen Idealismus und drittens Anthropologie und Psychologie. Für seine Zeit in Tübingen hat er sich vorgenommen, die Forschungen zur Argumentationstheorie und zum Zusammenhang von Rhetorik und Anthropologie zu vertiefen. Zum einen möchte er einen einheitlichen Argumentbegriff entwickeln, der sowohl logische als auch rhetorische Folgerungstypen umfasst und somit das Verhältnis von Logik und Rhetorik zu klären hilft. Zum anderen wird er sich kritisch mit der Theorie der kulturellen Evolution auseinandersetzen. Der Behauptung, die Fähigkeit der artikulierten Rede spiele bei der kulturellen Evolution keine besondere Rolle, tritt er dabei mit Skepsis gegenüber, insbesondere deswegen, weil diese Theorien (womöglich unbemerkt) eben doch mit rhetorischen Kategorien arbeiten.
 
Der Nestor der modernen deutschen Rhetoriktheorie, Josef Kopperschmidt, lehrt im Wintersemester 2009/2010 in Tübingen. Auch ihm geht es um Bezüge zwischen Philosophie und Rhetorik. In der Vorlesung wird er der These nachgehen, dass das philosophische Interesse an der Rhetorik deswegen das wichtigste sei, weil sich die Philosophie für den substanziellen Kern der Rhetorik als Geltungstheorie interessiere. Denn gerade in der Moderne stelle die Rhetorik dem traditionellen Evidenz- und Gewissheitsparadigma ein historisch gewachsenes und systematisch ausgefeiltes Verständigungsparadigma entgegen. In seinem Seminar beschäftigt sich Kopperschmidt außerdem mit Hans Blumenberg und dessen philosophischer Rehabilitation der Rhetorik.
 
Bereits seit einem halben Jahr verstärken Jasmina Gherairi und Daniel Seebert den Mitarbeiterkreis der Allgemeinen Rhetorik. Jasmina Gherairi hat während ihres Abiturs an einem Rednerwettbewerb teilgenommen und gewonnen, was sie auf die Idee brachte, in Tübingen Allgemeine Rhetorik zu studieren. Außerdem studierte sie Geschichte und absolvierte mehrere Praktika im TV-Bereich. Das Studium schloss sie im März 2009 ab und trat gleich im Anschluss die wissenschaftliche Mitarbeiterstelle zur „Rhetorik im Dialog“ an. Im Wintersemester gibt sie ein Seminar zu „Tacitus: Dialogus de oratoribus“ und zu „Rhetorik und Protest“. Mit dem Protestieren als rhetorischem Kommunikationsverfahren hat sie sich bereits in ihrer Magisterarbeit beschäftigt und verfolgt dieses Interesse nun in ihrer Dissertation weiter.
Daniel Seeberthat nach dem Abitur mehrere Praktika bei Radio und Fernsehen gemacht und sich schließlich – eher durch Zufall – entschieden, ein Rhetorikstudium in Tübingen zu beginnen. Zusätzlich studierte er Politikwissenschaften, Neuere Deutsche Literatur und Linguistik und hospitierte mehrere Semester lang in den Grammatikkursen „Deutsch als Fremdsprache“ der Uni Tübingen. Im Oktober 2008 schloss er sein Studium ab und wechselte als Dozent zur „Virtuellen Rhetorik“. Dort betreute er zunächst den Lehrexport nach Dresden und übernahm dann das Schlüsselqualifikationsseminar „Rede- und Präsentationskompetenz“. Währenddessen folgte die Entscheidung zur Dissertation zum Thema „Aufmerksamkeit und Rhetorik“.
 
Der wissenschaftliche Nachwuchs hat sich am 10. Oktober 2009 wieder zum Doktoranden- und Habilitandenkolloquium getroffen, das beim nächsten Mal (3. April 2010) mit erweitertem Programm zum „rhetorischen Forschungskolloquium“ werden soll. Diesmal wurden ein Habilitationsprojekt und sieben Promotionsprojekte vorgestellt und diskutiert. Olaf Kramer beschäftigt sich in seiner Habilitation mit „Simulationsrhetorik: Zur Theorie der Virtualität“. Die weiteren, diesmal vorgestellten Promotionsprojekte befassen sich mit „Gewalt, Status und Ordnungen: Die Persuasionsproblematik im interkulturellen Vergleich“ (Matthias Lottner), „Polysemie und Homonymie: Zur Mehrdeutigkeit bildsprachlicher Einzelzeichen“ (Thomas Susanka), „Führungskräfteentwicklung im Wirtschaftsunternehmen. Rhetorische Fähigkeiten als Bestandteil von Führungskompetenz“ (Carmen Lipphardt), „Aufmerksamkeit und Rhetorik“ (Daniel Seebert), „Protestieren als rhetorisches Kommunikationsverfahren“ (Jasmina Gherairi), „Verhandlungsstrategien“ (Bernd Rex) und „Imagebildung im Gespräch am Beispiel der Court­shiprhetorik“ (Antonia Spohr).
 
Und nicht zuletzt: Erinnern Sie sich an eine Rede, die die politische, soziale oder kulturelle Diskussion im Jahr 2009 entscheidend beeinflusst hat? Dann nominieren Sie sie für die Rede des Jahres! Wir freuen uns über Vorschläge und Einsendungen.
 
 

 
2. Termine
 
Mittwoch, 21. Oktober 2009, 16 Uhr c.t., Neuphilologie, Raum 037
Semesterauftaktdes Seminars für Allgemeine Rhetorik nicht nur für Erstsemester im Rahmen des Dies Universitatis. Alle Dozentinnen und Dozenten stellen sich und die anstehenden Lehrveranstaltungen kurz vor, um insbesondere den Studienanfängern einen Einblick in die Arbeit des Seminars zu geben.
 
Freitag, 30. Oktober 2009, 19 Uhr, Neuphilologie, Raum 036
„Yes, you can!“ Absolventenpodium des Seminars für Allgemeine Rhetorik mit Korinna Bauer (Referentin, Helmholtz-Gemeinschaft), Patrick Kammerer (Unternehmenskommunikation und Wirtschaftspolitik, Shell), Sandra Müller (SWR4 Tübingen), Andreas Platthaus (Feuilleton, Frankfurter Allgemeine Zeitung) und Florian Vogel (Dramaturgie, Schauspielhaus Hamburg). Die Moderation haben Jasmina Gherairi und Olaf Kramer.
 
Samstag, 31. Oktober 2009, 14 Uhr, Neuphilologie, Raum 215
Mitglieder-Vollversammlung des RhetorikForums (Verein zur Förderung der Rhetorik in Wissenschaft und Praxis).
 
Donnerstag, 5. November bis Samstag, 7. November 2010, Schloss Hohentübingen
„Dimensions of Ambiguity“ – Interdisziplinäre Tagung des Promotionsverbundes „Dimensionen der Ambiguität“
Phänomene der Mehrdeutigkeit bieten sowohl für die Linguistik als auch für die Literatur-wissenschaft und die Rhetorik ein interessantes und spannungsreiches Forschungsfeld. Zentral sind dabei Ansätze zur Auflösung und Produktion von Mehrdeutigkeit in Theorie und Praxis. Die Tagung wird dazu beitragen, die produktiven Impulse dieser Perspektiven zusammenzuführen und Ambiguität in den Mittelpunkt eines interdisziplinären Dialogs zu stellen: Wie wird Ambiguität verarbeitet und aufgelöst? Wie entsteht Ambiguität bzw. wie kann sie generiert werden? Welchen kommunikativen Mehrwert hat Ambiguität?
Weitere Informationen unter http://www.ambiguitaet.uni-tuebingen.de/symposium.htm.
 
Terminänderung:
Der Termin für die Salzburg-Tübinger Rhetorikgespräche (SATÜR) zum Thema „Wirtschaft und Rhetorik“ hat sich um eine Woche vor-verschoben auf den 7./8. Mai 2010.
 
Vorträge in Tübingen
 
Donnerstag, 19. November 2009, 18 Uhr c.t., Kupferbau, HS 22
Joachim Knape: KörperRhetorik
Vortrag im Rahmen der Studium-Generale-Reihe „KörperWissen – Erkenntnis zwischen Eros und Ekel“.
 
Vorträge außerhalb Tübingens:
 
Montag, 26. Oktober 2009
Joachim Knape: Die Pathosformel. Mehr als eine Suchformel?
Vortrag auf dem Diskussionstag „Pathosformeln – Polare Motive der Verhandlung“ des DFG-Forschungskollegs „Bildakt und Verkörperung“ der Humboldt-Universität Berlin
 
 

 
3. Veröffentlichungen
 
Ulla Fix / Andreas Gardt / Joachim Knape (Hrsg.): Rhetorik und Stilistik. Ein internationales Handbuch historischer und systematischer Forschung. Bd. 2. Berlin, New York: Walter de Gruyter, 2009 (= Handbücher zur Sprach- und Kommunikationswissenschaft 31.2). ISBN 978-3-11-017857-9.
 
Im November erscheint der zweite Band des gewichtigen Handbuchs zur „Rhetorik und Stilistik“, das im vergangenen Newsletter bereits vorgestellt wurde. Das Handbuch befasst sich mit erfolgreicher menschlicher Kommunikation und mit der Gestaltung von Sprache in Texten, kurz: mit allen Aspekten der Rhetorik und bietet historische und systematische Überblicke über theoretische Positionen, Formen der Anwendung und praktische Kontexte von der Antike bis in die Gegenwart. Der zweite Band konzentriert sich stärker auf Stilistik und Textgestaltung sowie auf die interdisziplinäre Bedeutung von Rhetorik und Stilistik nd zeitgenössische Anwendungsbereiche. Auch im zweiten Band finden sich einschlägige Artikel aktueller und ehemaliger Tübinger Rhetoriker.
 
In der von Joachim Knape herausgegebenen Buchreihe „neue rhetorik“ sind gleich drei neue Bände erschienen (Informationen zur gesamten Reihe finden Sie hier: http://www.weidler-verlag.de/Reihen/NRh/nrh.html):
 
Nils Becker: Überzeugen im erotischen Partnerwerbungsgespräch. Berlin: Weidler, 2009 (neue rhetorik, 2). ISBN 978-3-89693-538-0.
 
Partnerwerbung ist ein Thema, das in den Medien, in der Ratgeberliteratur und auch in der Kommunikationsforschung einen rasanten Aufschwung erfahren. Man interessiert sich für Strategien und Taktiken, die den kommunikativen Erfolg beim anderen Geschlecht garantieren sollen. Im vorliegenden Band geht Nils Becker dem Phänomen der erotischen Partnerwerbung erstmals aus einer gesprächsanalytischen Perspektive auf den Grund. Nach einem Überblick über die Forschungslandschaft setzt sich der Autor mit den Handlungsempfehlungen der modernen ‚Verführungssysteme‘ US-amerikanischer Provenienz auseinander. An einem innovativen, computervermittelten Gesprächsexperiment führt er sodann seine rhetorischen Analysen vor und fragt, mittels welcher Sprachhandlungen Männer und Frauen tatsächlich versuchen, ihre Umworbenen von sich als Flirt- oder Beziehungspartner zu überzeugen. Das Buch legt damit den Grundstein für zukünftige Untersuchungen der von der bisherigen Forschung völlig vernachlässigten sprachlich-strategischen Dimension der Partnerwerbung.
 
Joachim Knape (Hrsg.): Rhetorik im Gespräch. Ergänzt um Beiträge zum Tübinger Court­shiprhetorik-Projekt. Berlin: Weidler, 2009 (neue rhetorik, 4). ISBN 978-3-89693-545-8.
Mit Beiträgen von Nils Becker, Klaus Brinker, Dagny Guhr, Theo Herrmann, Michael Hoppmann, Franz Hundsnurscher, Walther Kindt, Joachim Knape, Hubert Knoblauch, Alexander Schinz, Johannes Schwitalla, René Ziegler.
 
In drei großen Abschnitten befasst sich der Sammelband mit dem Problemkreis Rhetorik und Gespräch. Leitfragen sind dabei: Was ist Gesprächsrhetorik und was sagen führende Gesprächsforscher dazu? Im ersten Teil entwirft Joachim Knape Grundzüge einer neuartigen und facettenreichen Theorie der Gesprächsrhetorik. Sie kreist um den Begriff des Gesprächsmanagements. Im zweiten Teil werden die Beiträge einer Tagung publiziert, auf der u.a. führende deutsche Gesprächsforscher aus der Gesprächslinguistik, Psychologie, Rhetorik und Soziologie zur Frage der Persuasion im Gespräch Stellung nehmen. Der dritte Teil fasst in mehreren Artikeln die Ergebnisse des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft finanzierten Tübinger Projekts zu Courtshiprhetorik, also zu rhetorischen Aspekten des Flirtens und der Partnerwerbung zusammen. Auch das Tübinger Gesprächskorpus wird hier dokumentiert.
 
Sara Hörr: Musik-Rhetorik.Melodiestruktur und Persuasion. Berlin: Weidler, 2009 (neue rhetorik, 8). ISBN 978-3-89693-546-5.
 
In unserem Alltag ist Musik omnipräsent. Im akustischen Dschungel der Kollektivbeschallung trifft man häufig auf Situationen, in denen gezielt versucht wird, eine definierte Gruppe von Menschen mit Hilfe von Musik zum Handeln zu bewegen, d.h.: sie zu persuadieren. Dies kann jedoch nicht in jeder Situation und nicht mit jeder beliebigen Art von Musik gelingen. Wie muss Musik strukturell beschaffen sein, um in einer bestimmten Situation rhetorisches Potenzial zu entfalten? Bei der Annäherung an diese Frage richtet die Autorin ihr Augenmerk vorwiegend auf einen speziellen Aspekt der musikalischen Textur: die Melodie in ihrer strukturellen Beschaffenheit. Auf Basis unterschiedlichster Musikbeispiele von Werbemelodien über Festzeltlieder bis hin zu Fußballfangesängen zeigt die Verfasserin strukturelle Ähnlichkeiten in persuasiv eingesetzter Musik auf und zieht daraus Rückschlüsse auf übergeordnete kommunikative Strategien beim Einsatz von Musik zur gezielten Adressaten- und Kundenbeeinflussung. Damit liefert die Untersuchung einen längst fälligen Beitrag zur Erforschung musik-rhetorischer Prozesse.
 
 

 
4. Einblicke
 
Am 1. Oktober 2009 startete das von der DFG finanzierte Projekt „Televisuelles Überzeugen. Fernsehjournalistische Strategien am Beispiel der Berichterstattung zum Irakkrieg 2003“. Das von Joachim Knape (Projektleitung) und Anne Ulrich (wissenschaftliche Mitarbeiterin) initiierte Projekt fragt ausgehend von der Irakkriegs-Berichterstattung im US-amerikanischen und deutschen Fernsehen nach dem rhetorischen Potential des Televisuellen vor dem Hintergrund, dass die Glaubwürdigkeit der ‚Fernsehbilder‘ im Irakkrieg als einem „Krieg der Bilder und Krieg um Bilder“ (Gerhard Paul) fragwürdig geworden ist. Es lohnt sich daher zu untersuchen, welche journalistische Haltung die einzelnen Redaktionen gerade in Bezug auf die visuelle Berichterstattung an den Tag legten und welches Image bzw. Ethos sie auf visuellrhetorische Weise zu evozieren suchten. Eine qualitativ-hermeneutische Fernsehanalyse soll vor diesem Hintergrund erschließen, wie das journalistische Handeln im Irakkrieg das rhetorische Potential und die kulturelle Wirkungsmacht von Televisualität neu definierte.
Um erste Forschungsergebnisse nicht nur mit Fernsehwissenschaftlern, sondern auch mit Fernsehjournalisten zu diskutieren, ist für September 2010 eine Tagung zum „Televisuellen Überzeugen“ geplant. Das Projekt leistet mit dem exemplarischen Entwurf einer „televisuellen Rhetorik“ einen wichtigen Beitrag zur theoretischen Weiterentwicklung der Rhetorik in Richtung Visualität und Medien, die ja schon seit einigen Jahren am Tübinger Institut betrieben wird.
 
 

 
Dieser Newsletter wird herausgegeben vom Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen.
Redaktion und technische Betreuung: Anne Ulrich und Olaf Kramer.